Rolle oben
1640 Der erste Küchengarten
<<< zurück zur Chronik

Küchengarten und Orangerie im Laufe der Jahrhunderte

Der im 17. Jahrhundert erstmals als "Großer Garten" erwähnte "Küchengarten war, wie es der Name verrät, zur Versorgung des Schloss Osterstein angelegt worden. Obst, Gemüse und Küchenkräuter wurden in dieser Anfangszeit vorwiegend angebaut.
Nach 1700 wurde die Anlage dann, passend zur Mode des 18. Jahrhunderts, in einen barocken Lustgarten in französischem Stil umgestaltet. In den Jahren 1729 bis 1732 ließ dann der Graf Heinrich XVIII. die berühmte "Orangerie" nach den Plänen des sächsischen Landbaumeisters Gottfried Heinrich Krohne errichten.
 
Unter Graf Heinrich XXV. erfolgte in den Jahren 1746 bis 1748 ein Umbau des noch "Gräflichen Gartenpalais" genannten Gebäudes, bei dem die beiden, ursprünglich nur durch ein Portal miteinander verbundenen Mittelpavillons durch einen Saalbau zu einem Gebäude vereinigt worden. Die Flachdächer der beiden eingeschossigen geschwungenen Zwischenbauten, auf denen im Sommer die Orangenbäume aufgestellt wurden, erhielten Satteldächer.

Der Geraer Volksmund nannte später das markante Gebäude schlicht "Bratwurst". Der östliche Teil des "Küchengartens" blieb eine wenig gegliederte Fläche, auf der zwischen dem Rasen verteilt wohl im erster Linie Obstbäume standen, Erst um 1780, dem Jahr des großen Geraer Stadtbrandes von dem der Küchengarten verschont geblieben war, macht sich hier der Einfluss des englischen Gartenstils und vor allem der Rasengestaltung bemerkbar. Hochwüchsige Bäume wurden in Gruppen angepflanzt, einige sogenannte Schlangenwege angelegt und Alleen um den gesamten "Küchengarten" gezogen.

Etwa in der Höhe der heutigen (2008) "Heinrich-Laber-Straße" ließ Heinrich XVIII. ein Naturtheater errichten, wie sie in allen Gärten des barocken Zeitalters und des Rokoko in Deutschland und auch in Italien üblich waren, für das eine etwa einen Meter hohe, fast quadratische Erhöhung als Bühne aufgeschüttet wurde. Buchenheckenwände dienten als Hintergrund und auch als Kulisse des Theaters. Von den vier Sandsteinstatuen, die hier aufgestellt waren, blieben die Figuren des Pantalone und des Brighella aus der italienischen Stehgreifkomödie erhalten, welche im Geraer Stadtmuseum zu sehen sind.

Der "Küchengarten" bildete ein wichtiges Bindeglied zwischen der Stadt und dem Herrschersitz auf Schloss Osterstein und ist zugleich eines der sehr wenigen Zeitzeugnisse, das an die ehemalige Rolle Geras als Residenzstadt erinnert.
 
Im Jahr 1902 entstand im östlichen Teil des "Küchengartens" der neue Theaterbau und im Zuge der Nordallee wurde auch das neue Kulissenhaus errichtet. Zum 1. April 1921 verfügte die Gebietsregierung Gera-Greiz die Einbezirkung des Schlosses Osterstein sowie des "Küchengartens" mit Theater nach Gera.

Nach 1918 verschwanden die Gartentore, die bis zu dieser Zeit Abends immer geschlossen wurden. Mitte der 1930er Jahre wurden auch die Zäune und die Grenzmauern nach der Küchengartenallee und den Parkstraßendurchgängen beseitigt und damit das Erscheinungsbild des Geraer Parks wesentlich verbessert.

Nach dem Tode Heinrichs XXX., des letzten Grafen aus dem Hause Reuß-Gera, im Jahre 1802, wurde die Orangerie aufgegeben und das Gebäude erlebte damit ein wechselhaftes Schicksal.

Bereits am 27. Oktober 1802 erhielt der Hofgärtner Samuel Andreas Papst die Erlaubnis, in den anderweitig nicht benutzten Räumen der nördlichen Seit des Mittelpavillon auf der Gartenterrasse Kaffee ausschenken zu dürfen. Das durfte er nur unter der Bedingung, dass er nur gesittete und moralisch anständige Leute dort bewirte. In den Jahren 1805/06 war sie Lazarett, von 1840 bis 1850 eine Kaserne, ab dem Jahr 1843 die erste Geraer Schulturnhalle, in den Revolutionsjahren 1848/49 der Pferdestall für die Hnnöversche Batterie, welche als Strafkommando in die Stadt gerufen worden war, und von 1811 bis 1840 nutzte "Die Gesellschaft im Fürstlichen Küchengarten" der Erholungsgesellschaft zum Deutschen Haus den Saal im Hauptpavillon und dem nördlichen Verbindungsflügel. 1850 lebte die Küchengartengesellschaft wieder auf und bestand bis 1872, ab dem Jahr 1878 nutzte dann der Geraer Kunstverein den Mittelpavillon für Ausstellungen.

Im Sommer des Jahres 1947 wurde im Mittelteil des Orangeriegebäudes die Sonderausstellung "Musik und Theater in Gera" gezeigt, aus der im Herbst 1947 das Geraer Theater- und Musikmuseum vorging.

1950 wurde der "Küchengarten" dann in "Theatergarten umbenannt.

Am 16. März 1953, ganze elf Tage nach dem Tod Stalins (21.12.1879-05.03.1953), beriet der Rat der Stadt auf einer außerordentlichen Ratssitzung darüber, " das aus den Reihen der Werktätigen der Stadt Gera an die Bezirksleitung der SED der Vorschlag herangetragen worden ist, zum ewigen Ruhm und zur ewigen Ehre Stalins, in Gera eine würdige Gedenkstätte zu errichten. Das Sekretariat der Bezirksleitung der SED hat darauf hin beschlossen, die Parkanlage am Theater in eine Stalingedenkstätte zu verwandeln."
Der Rat der Stadt beschloss in dieser Sitzung, das Theatergartengebäude, so nannten die Kommunisten absichtlich die Orangerie da sie diesen Namen vermeiden wollten, für die Errichtung der Stalingedenkstätte zur Verfügung zu stellen und auch unverzüglich zu beräumen. Am ersten Todestags des russischen Diktators am 5. März 1954 wurde dann an der Nordseite des "Küchengartens" eine Säulenhalle aus Niebraer Sandstein mit einer überdimensionalen Stalinbüste im Inneren eingeweiht und der Theatergarten in Stalinpark umbenannt.
 
Das Orangeriegebäude wurde danach umfassend saniert und am 5. November 1957 als "Museum für Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung des Bezirkes Gera" eingeweiht. Über dem Mittelpavillon leuchtete nun des Nachts ein roter Sowjetstern, wie über den bekannten Kremltürmen.
Das mit dem ewigen Ruhm und der ewigen Ehre des Diktators währte nicht einmal acht Jahre. Denn am 17. November 1961 wurde der Stalinpark dann in "Park der Opfer des Faschismus" mit Blick auf das 1953 enthüllte Denkmal umbenannt und der bronzene Stalinkopf aus der Säulenhalle entfernt, im Jahr 1971 ohne viel Aufhebens wieder abgebrochen wurde. Sie war dann einfach weg, niemand fragte mehr danach und verschwand aus dem Geraer Gedächtnis weitgehend. Das Museum mit dem viel zu langem Namen, den sich keiner merken wollte, wurde dann 1963 in das Geraer Stadtmuseum integriert und die Orangerie als Ausstellungszentrum der Städtischen Museen genutzt, aus dem 1972 die Kunstsammlung Gera hervorging.
 
Im Jahr 1991 wurde der Park schließlich wieder in "Küchengarten umbenannt, ein Name der den älteren Geraern nie wirklich entfallen war und die ihn auch immer so nannten.
Im Rahmen der Bundesgartenschau in Gera und Ronneburg 2007 wurde der "Küchengarten im französischen Stil des 18. Jahrhunderts gestaltet um den Garten und das Orangeriegebäude wieder als eine Gesamtheit wirken zu lassen.

Das im Jahr 1953 von Annemarie Höhn, Otto Oettel und Carl Kuhn geschaffene Denkmal für die Opfer des Faschismus wurde 2005 wegen Altersschwäche und Einsturzgefahr abgerissen und durch einen Gedenkstein aus Diorit aus dem Tagebau Loitsch bei Weida ersetzt.

<<< zurück zur Chronik
Rolle unten
Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
77 neue Artikel