Rolle oben
1611 Kirchenumbau in Gera
<<< zurück zur Chronik
Die St. Trinitatiskirche in Gera

Der Bau wurde 1611 wahrscheinlich unter Einbeziehung älterer Reste der zuvor hier stehenden Kapelle zum heiligen Kreuz errichtet und diente längere Zeit als Friedhofskirche. erst 1886 erhielt die angesichts der wachsenden Bevölkerung den Rang einer Pfarrkirche. Die Kirche ist wahrscheinlich auf Grund der räumlichen Gegebenheiten nicht geostet. Westlich erstreckte sich der Gottesacker und östlich, etwa anstelle des Turmes, befand sich bis zum Abriss 1841 die Wolfgangskapelle. Ein größerer Neubau war folglich nur in nord-süd Richtung zu realisieren. Als Bauherr wird Simon Reisig inschriftlich auf dem westlichen Triumphbogenpfeiler erwähnt. Darunter befindet sich die Jahreszahl 1611. Nachdem wohl die preußische als auch die französische Armee die Kirche während der Napoleonischen Kriege als Magazin nutzten und zudem beträchtliche Altersschäden auftraten wurde St. Trinitatis 1868/69 renoviert. Die Nordseite erhält eine neugotische Fassade. Die drei Giebelfenster wurden durch eine Fensterrose, das Renaissanceportal durch ein neugotisches ersetzt. 1899 erfolgte der Anbau des Turmes. 1952 wurde der Dachreiter am Nordgiebel entfernt. Erneuerungsarbeiten im Inneren schlossen sich im Folgejahr an. Der heutige Zustand des Raumes ist Ergebnis der großen Restaurierung 1968-1970, bei der u.a. die Balken-Felder-Decke aus der Erbauungszeit freigelegt und die aus der ehemaligen Schlosskirche Reinhardtsbrunn stammende Kanzel eingebaut wurde. Die Außeninstandsetzung fand 1986 statt.

Das Äußere der Kirche

Die Saalkirche präsentiert sich als einfacher Rechteckbau mit dreiseitigem Chorabschluss. An der östlichen Langhauswand steht der in neugotischer Form errichtete Turm. Zweibahnige Maßwerkfenster sind an Langhaus und Chor zu finden. Das unauffällige Äußere ist Resultat der ursprünglichen Bestimmung als Friedhofskirche. Von Interesse sind die westlich und nördlich an der Mauer aufgestellten Grabsteine und die zur einstigen Wolfgangskapelle gehörende Außenkanzel an der Ostwand. Die inschriftlich 1500 datierte Kanzel zählt zu den bedeutendsten bauplastischen Werken spätgotischer Provenienz in der Region. Filigranes Blendmaßwerk schmückt Brüstung und Schalldeckel. Die Kanzeltür schließt ein Kielbogen ab, der von krabbebbestzten Fialen flankiert wird.

Von den Grabsteinen ist insbesondere der des Nikolaus de Smit (1541-1623 Anmerkung des Autors der Gera-Chronik) zu nennen. Der aus Flandern stammende de Smit etablierte die niederländische Wollzeugfabrikation in Gera und begründete die Kunst- und Schönfärberei. Der Stein wurde, wie auf der benachbarten Gedenktafel zu lesen ist, 1841 von der Zeugmacherinnung gestiftet und 1933 erneuert. Beachtung verdient ferner der Grabstein der Familie Pilling an der Ostseite. Auf einem mit Rocaillen geschmückten, an den Seiten volutierten Sockel erhebt sich die mit Inschriftkartuschen besetzte Stele, deren Abschluss eine weibliche Allegorie der Zeit bildet. Die meisten Grabplastiken fielen jedoch der allmählichen Umgestaltung des Friedhofes zur heutigen Parkanlage zum Opfer.

Ausstattung

Im Inneren der Saalkirche befindet sich eine Reihe von vorzüglicher Kunstwerke. Aus der Erbauungszeit stammen die Balkendecke mit Rollwerkmalereien und die friesartige Wandbemalung darunter. Die von Kurt Thümmler 1969 rekonstruierte und zum Teil restaurierte Decke weist in jedem Feld eine andere Ornamentierung auf. Auch die Emporenmalereien stammen aus der 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die von plastischem Beschlagwerk eingefassten Szenen aus dem Alten Testament sind Teil eines ehemals größeren Zyklus mit Szenen aus aus dem Alten Testament und Neuem Testament mit typologischer Zuordnung. Die Beschreibung erfolgt vom Betrachter aus gesehen links "Stiftshütte" (2 Moses 25-40). Gott befahl Moses während der Wanderung durch die Wüste eine "Wohnung" für ihn zu errichten. Nach genauen Anweisungen wurde das "Heilige Zelt" gebaut. Im Vorhof befindet sich ein Becken für die Waschung der Priester und der Brandopferaltar. Der Schaubrottisch links steht eigentlich in vorderen Zelt, das durch einen Vorhang vom Allerheiligsten mit Bundeslade und Gesetzestafeln getrennt ist. Die Stiftshütte ist von den Zelten der zwölf Stämme und denen von Moses und Aaron (vorn) umgeben.

"Durchzug durch das Rote Meer" (2.Mose 14). Der Weg aus der ägyptischen Gefangenschaft führte das Volk Israel durch das Rote Meer, dessen Wasser der Herr zurücktreten ließ. In der Mitte des Bildes tragen zwei Priester die Gebeine Josephs, um sie, seinem letzten Wunsch gemäß, im gelobten Land zu begraben. Mauergleich erhebt sich das Wasser, wie es in der Bibel steht. Augustinus hat den Durchzug als Sinnbild der Taufe interpretiert.

"Errichtung der ehernen Schlange2 (4. Mose 21,4-9). Bei ihrem entbehrungsreichen Zug durch die Wüste verlor das Volk die Geduld und klagte gegen Gott und Moses. zur Strafe sandte Gott giftige Schlangen, so dass viele starben. Das reuige Volk bat Moses, beim Herrn Gnade zu bewirken. auf dessen Geheiß schuf Moses eine eherne (bronzene) Schlange. Die zu ihr aufsahen wurden gerettet. Schon der Evangeliste Johannes hat die vom Tod rettende Schlange als ein Symbol der Kreuzigung Christi gedeutet (Joh.3,14.15).

"Sündenfall" (1.Mose 3). Adam und Eva stehen am Brunnen der Erkenntnis, dessen Früchte ihnen verboten waren. Die Schlange führt Eva in Versuchung. Der Sündenfall ist noch nicht vollzogen. Sie schämen sich noch nicht ihrer Nacktheit, der sie erst nach Genuss der Frucht gewahr werden. Danach vertreibt sie Gott - hier durch einen Engel - aus dem Paradies (Mittelgrund).

"Gottesgericht auf dem Berg Karmel" (1. Könige 18). Der Prophet Elias ließ 450 Baalpriester auf den Berg Kamel holen, um das zwischen Gott und Baal schwankende Volk zur Einsicht zu bringen. Zwei junge Opfertiere sollen nach Anrufung des jeweiligen Gottes auf dem vorbereiteten Altar selbst entflammen. Der Baalpriester fleht vergebens, dann rief Elias zu Gott, der das Feuer entfachte. Die göttliche Machtfrage war entschieden. Die Episode wird schon seit frühchristlicher Zeit auf die Ausgießung des Heiligen Geistes bezogen.

Das letzte Bild zeigt Jesus im Kreise von drei Jüngern. Er kommentiert eine im Mittelpunkt sich abspielende große Katastrophe. Möglicherweise handelt es sich um seine Vision von der kommenden "großen Bedrängnis" (Mt 24,15-28). Darauf könnten die verzweifelten Frauen und Mütter ("Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden zu jener Zeit") sowie ein auf dem Dach seines Hauses Sitzender ("und wer auf dem Dach ist, der steigt nicht hinunter) hindeuten. Die wertvollsten Kunstwerke befinden sich im Chor. Das Altarbild wurde von dem Geraer Maler David Nieke (1660-1726) um 1700 geschaffen und ist von hoher künstlerischer Qualität. Dargestellt ist die Heilige Trinität in Gestalt der thronenden Gottvater-Christus-Gruppe und der Taube des Heiligen Geistes. Um diese Gruppe ordnen sich kreisförmige Engelchöre, die den dreieinigen Gott lobpreisen. Von besonderen Interesse sind die historischen Musikinstrumente.

Die große Kreuzigungsgruppe gab der reußische Regierungssekretär Benedikt Pasche zum Andenken an seine Frau, seine Tochter und deren Mann 1630 in Auftrag. In der 1763 verfassten Chronik des Stadtarztes Harnisch, die im Krieg leider verbrannte, (Der Autor meinte vermutlich den Zweiten Weltkrieg, bei dem große Teile der Sammlung des späteren Stadtmuseum vernichtet wurden, Anmerkung des Autor der Gera-Chronik.) hieß es, dass die Skulptur die Züge der Familienangehörigen tragen. Danach hatte der Künstler Paschas Tochter als Maria Magdalena (Kreuzfuß) und ihren Mann als Johannes abgebildet. Maria besäße in diesem Fall die Züge der Ehefrau des Stifters, der links zu sehen ist. Die Fassung des Werkes wird dem Geraer Maler Johann Dobenecker (1596-1670) zugeschrieben. (Die Autorschaft Dobeneckers ist allerdings umstritten, da er eigentlich nur als Maler in Erscheinung trat und weniger als Bildhauer. Es wäre sein einziges bekanntes Schnitzwerk. Anmerkung des Autors der Gera-Chronik) Dobenecker wirkte nachweislich nur als Maler und Ratsbaumeister. Das Werk ist dem Stil des Manierismus zuzuordnen, der vor allem in der Expressivität der Gestik manifestiert wird. Das läßt sich sehr gut bei den Händen beobachten, die zum Teil sogar durch eine unnatürliche Fingerstellung auffallen. Solch künstlerische Subjektivität zielt insbesondere auf eine Transparenz der Gefühle. Die flatternden Enden des Lendentuchs des Gekreuzigten nehmen barocken Gestaltungswillen vorweg. Von großer Ausdruckskraft ist die Figur der Maria. Auf ihrem Antlitz spiegeln sich tiefe Trauer über den Tod des Sohnes wider. Weinend führt sie das Taschentuch mit der Linken zum Gesicht. dem Künstler ist hier eine überzeugende Darstellung des menschlichen Leides gelungen. Zum repräsentativen Charakter des Werkes tragen die modischen, mit aufwendigen Mustern verzierten Gewänder erheblich bei. Dobeneckers Meisterschaft artikuliert sich in der Fähigkeit, die Kostbarkeit der Stoffe und die edle Verarbeitung eindrucksvoll in Szene zu setzen. Typisch für die Kunst der Übergangsphase zum barock ist auch das Knorpel- und Ohrmuschelwerk des aufwendig ausgeführten Sockels. Putten schützen als Kryatiden den hervortretenden Sims. Dehio definiert das Epitaph als "hervorragendes, in Thüringen wohl einzigartiges Werk".

An der Westseite des Chores befindet sich das große Gemälde zur Erinnerung an das einhundertjährige Jubiläum der Augsburger Konfession, die die Glaubensartikel der evangelischen Kirche umfasst. Diese wurde 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg verlesen und von den protestantischen Reichsständen dem Kaiser übergeben. Zu den damaligen protestantischen Reichsständen (linke Bildseite) zählen Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, Johann Georg von Brandenburg in Vertretung seine Vaters, des Kurfürsten, Landgraf Philipp von Hessen, Ernst von Lüneburg, Wolfgang von Anhalt und Franz von Lauenburg. Auf der rechten Bildseite präsentieren sich die freien Reichsstände Nürnberg, Reutlingen, Winsheim, Heilbronn, Weißenburg und Kempten. Die beigefügte Wappen ermöglichen eine genaue Zuordnung. Vor dem Altar knien Graf Heinrich Posthumus von Reuß jüngere Linie und seine zweite Frau Magdalena, Gräfin von Schwarzburg-Rudolstadt. Sie empfangen von Luther und Melanchthon das Heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt. Einerseits demonstriert das Haus Reuß sein festes Bekenntnis zur Reformation und andererseits wird mit dem Abendmahl ein zentrales Thema des Protestantismus in den Vordergrund gerückt. Im Gegensatz zur katholischen Kirche, die den Laien zur Abendmahlsfeier nur die Hostie reicht, empfängt dieser in der evangelischen Kirche sowohl Hostie als auch wein (Vergl. Mt 26,26-28). Der Grund dieser maßgeblichen Neuerung liefern die Evangelisten, deren Verfasser hinter dem Altar stehen und mit dem vorgewiesenen Text die Richtigkeit des Abendmahls in beiderlei Gestalt unterstreichen. Der Maler knüpft an die Kunst der Reformationszeit an. Unmittelbares Vorbild könnte ein Holzschnitt der Cranach-Schule - "Die Austeilung des Abendmahls in beiderlei Gestalt durch Luther und Huß" - von 1560 sein, auf dem die sächsischen Kurfürsten Friedrich der Weise und Johann der Beständige bei Erhalt des Sakraments zu sehen sind. Im Hintergrund lässt ein weiterer Kirchenraum erkennen, in dem sich Szenen, die auf die Reformation Bezug nehmen, abspielen. Im unteren Bereich des Gemäldes befinden sich die Halbbildnisse der Geraer Superintendenten zwischen 1565 und 1582. Das gesamte Werk schmückt ein aufwendig verzierter Rahmen mit zweifach gestuftem Aufsatz. Dehio geht auf Grund der "bekenntnishaften Selbstdarstellung" des reußischen Herrschers von einem Auftrag des Posthumus aus. Der Maler wird in Dobenecker vermutet.

Am westlichen Triumphbogenpfeiler steht die Kanzel. Das in den Jahren 1612 und 1615 aus Marmor und Alabaster geschaffene Werk gehörte ursprünglich in die ehemalige Reinhardtsbrunner Schlosskirche, die im 19. Jahrhundert einem Neubau weichen musste. Die in Einzelteile zerlegt und in Gotha eingelagerte Kanzel wurde 1969 in die Trinitatiskirche versetzt. Originalität und Qualität der Ausführung markieren eine Arbeit von überregionaler Bedeutung. Der Kanzelkorb wird von einem Pfeiler mit Moses-Figur gestützt. In den Nischen der Brüstung stehen die vier Evangelisten mit ihren Attributen. Damit wird eine Aussage zum christlich-theologischen Verständnis von Altem und Neuem Testament getroffen.

Diese Dokumentation wurde aus der Feder von Thomas Frantzke übernommen, welcher einige Geraer Kirchen näher beschrieb.

<<< zurück zur Chronik
Rolle unten
Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
77 neue Artikel