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1732 Alltag im Zucht- und Waisenhaus
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„Die Waisenkinder mussten einer Verordnung zufolge, zweimal jährlich singend durch die Stadt und Untermhaus ziehen und dabei Geldspenden für das Waisenhaus sammeln. Neben dem finanziellen Ertrag lag diesem Brauch sich auch die Absicht zugrunde, auf die Bedürfnisse aufmerksam zu machen und sie in das Bewusstsein der Menschen zu rücken.

Für jedes aufzunehmende Waisenkind und jeden geistig Kranken wurde ein Fond, mit den Anteilen einzelner Einrichtungen daran, festgelegt. In der Regel kamen Gelder aus der Ratskämmerei, den beiden Geraer Hospitälern und, sofern dies der Fall war, aus den Gemeinden, denen die Neuankömmlinge angehörten. Darüber hinausgehende Mittel übernahm die Anstaltskasse. Die so bereitgestellten Gelder waren, sieht man sie im Kontext der Zeit, nicht unbeträchtlich und wurden, wie im Fall des Tuchmachergesellen Ernst Wilhelm Döll aus Zwötzen, für manchen Bedürftigen dessen gesamtes Leben hindurch bezahlt. Der als geistig verwirrt beschriebene Döll wurde im Dezember 1822 in Gewahrsam genommen und im Folgejahr in das Zucht- und Waisenhaus überwiesen, nachdem er in Zwötzen und Umgebung mehrfach versucht hatte, Feuer zu legen und Einwohner mit dem Messer bedrohte. Vier Jahrzehnte später lebte Döll noch immer im Haus, für seinen Unterhalt zahlte die Anstaltskasse jährlich 83 Taler und 15 Groschen, mehr als der Verdienst manches Tagelöhners zu jener Zeit.

Aus den 1820er und 30er Jahren finden sich Hinweise auf die Durchführung von Lotterien zur Unterstützung des Zucht- und Waisenhaues. Die Einspielungen kamen Waisenkindern zugute und waren als Guthaben nach ihrer Entlassung für Kleidung, die Kosten für die Lossprechung (feierlicher Abschluss der Lehrzeit) und als Startkapital eines eigenen Hauswesens gedacht. Carl Heinrich Grimm, ein Junge des Geraer Waisenhauses besaß bei seiner Entlassung 1827 eine Summe von 57 Talern aus Lotteriegeldern, ein im gleichen Jahr entlassenes Mädchen 30 Taler.

Weitere Einnahmequellen für das Haus boten die durch Häftlinge und Waisenkinder ausgeführten Arbeiten. Seit 1810 besaß das Zucht- und Waisenhaus das Privileg des Gipsmalens und –brennens und des Handels mit gemahlenem und gebranntem Gips. Schon lange Zeit zuvor wurde Gips in der Anstalt durch die männlichen Häftlinge verarbeitet, Anfangs des 19. Jahrhunderts nahm jedoch der Bedarf an gemahlenem Gips durch die ihm zugeschriebenen Eigenschaften als Düngemittel in der Landwirtschaft erheblich zu. Mehrere in der Herrschaft Gera gelegene Mühlen begannen ebenfalls mit der Herstellung und dem Handel von Gemahlenem Gips. Um die bisherigen Einnahmen der Zucht- und Waisenhauses zu sichern, wurde das erwähnte Privileg erlassen, das künftig bei einer Strafe von 50 Talern jedem Untertan die Herstellung von Gips und den Handel damit verbot. Die Betreiber von Gipsmühlen hatten jedoch die Möglichkeit, gegen eine jährliche Abgabe (meist vier bis acht Taler) eine Konzession zur Weiterführung des Gewerbes zu erhalten.  Auch die Ausfuhr von rohem Gipsstein aus reußischem Gebiet wurde mit Abgabe von einem Groschen (für einen Schubkarren) bis einem Taler (für einen mit vier Pferden bespannten Wagen) belegt. Beide Abgaben waren direkt in die Zucht- und Waisenhauskasse zu entrichten. Die Einnahme dieser Konzessionsgelder war so lohnend. Dass die Produktion des Gipses im Zuchthaus in den Folgejahren aufgegeben wurde. Wesentlich älter ist das dem Zucht- und Waisenhaus verliehene Privileg des Farbholzraspelns. Einer Verordnung von 26. März 1750 zufolge waren die mit Farbhölzern handelnden Geraer Kaufleute, um dem Arbeitsmangel in der Anstalt abzuhelfen, angewiesen, das Holz im Zucht- und Waisenhaus raspeln zu lassen.

Die Späner verschiedener exotischer Hölzer (sogenannte Blau-, Gelb- oder Rothölzer) dienten als Grundlage zur Anmischung bestimmter Farben. Um die größtmögliche Wirkung zu erzielen, zerkleinerte man die Hölzer zu Spänen. Durch Kochen und Ausleugen wurde die gewünschte Farbbrühe erzielt.

Die eintönige und schwere Arbeit des Holzraspelns wurde als vorzügliche Tätigkeit für Sträflinge angesehen. Das „Raspelhaus“ war noch um 1850 ein in Deutschland üblicher Begriff für eine mit dieser Tätigkeit verbundene Form des Strafarbeitshauses. Auch im Geraer zucht- und Waisenhaus war das Raspeln von Farbhölzern die Hauptbeschäftigung für die männlichen Sträflinge. Bis 1846 geschah hier das Raspeln in Handarbeit. In Spitzenjahren wurden dabei jährlich mehr als 1000 Zentner Holz verarbeitet.

Ungünstige Auswirkungen auf das Privileg des Zucht- und Waisenhauses hatte seit den 1830er Jahren allerdings die sich stark entwickelnde Textilindustrie in Gera. Einzelne Firmen stellten die benötigten Farbhölzer mit der ihnen zur Verfügung stehenden Wasser- oder Dampfkraft selbst und preiswert her. Die Zucht- und Waisenhaus-Administration (Leitung der Anstalt) regte daher 1846 an, im Schuppengebäude des Zuchthauses eine Raspelmaschine aufzustellen, um billiger produzieren zu können. Diese Maschine wurde vom „Mechanikus“ Moritz Jahr erbaut und bereits am 1. Dezember des gleichen Jahres in Betrieb genommen. Leider liegt bisher kein Beschreibung über das Aussehen und die Funktion dieser Maschine vor. In den eingesehenen Unterlagen wird lediglich erwähnt, dass sie durch Treten angetrieben wurde, nach Belieben Hobel- oder Raspelmesser eingesetzt werden konnten und 12 Sträflinge zum Betrieb erforderlich waren. Die Raspelmaschine war also mit Sicherheit, da Wasserkraft am Zucht- und Waisenhaus nicht nutzbar war und die Anschaffung einer Dampfmaschine allein für diesen Zweck nicht lohnte, mit einem Tretrad versehen, welches mehrere Personen, entweder im Inneren des Rades oder von außen über Stufen, in Bewegung setzen. Das Privileg der Farbholzherstellung für den Handel, welches dem zucht- und Waisenhaus beständigen Absatz sicherte, wurde in den Folgejahren jedoch mehr und mehr zur lästigen Pflicht. 1864 bat die Anstaltsleitung des Fürstlichen Ministeriums um Aufhebung des Privilegs. Das Raspeln sei keine lukrative Arbeit mehr und um den ständig steigenden Bedarf der Drogeriehandlungen nach Farbhölzern zu entsprechen, sei man gezwungen, lohnendere Einsätze der Sträflinge bei Hausbauten, Feldarbeiten und Umzügen abzulehnen. Der Bitte wurde entsprochen und das Privileg am 18. April 1864 aufgehoben.

Leichtere Arbeiten wurden, soweit die Verfassung der jeweiligen Personen dies erlaubte, auch von anderen Insassen der Anstalt ausgeführt. Sowohl die männlichen als auch die weiblichen Sträflinge wurden mit wolle- und textilverarbeitenden Tätigkeiten beschäftigt, unter anderem mit Spinnen von Wolle zu Garne oder der Herstellung von Stoffen und einfachen Kleidungsstücken (z.B. wollene Strümpfe). Die Waisenkinder und teilweise auch die geistig Kranken verbrachten ihre Zeit mit Federschleißen, einer monotonen und durch den sich entwickelnden Staub auch ungesundenen Arbeit, bei der die weichen Federteile vom Schaft abgezogen wurden, um sie später zur Füllung von Federbetten zu verwenden.

Wie bereits angedeutet, wurden die männlichen Sträflinge zu zahlreichen auswärtigen Arbeiten herangezogen. Neben den genannten waren das auch Garten- Feld- und Straßenarbeiten, Wasserbauten und Holzhacken, die sich die Leitung des Zucht- und Waisenhauses als Tagelohn bezahlen ließ.“

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Tintenglas mit Feder
 
 
18.01.2015
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